Benjamin Schwalb: Über die (De-)Institutionalisierung einseitiger Gewalt in Bürgerkriegen. Eine theoriebildende Rekonstruktion von Situationen grausamer Gewalt im Handeln nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen in der Demokratischen Republik Kongo

PhD-project at the Institute of Sociology, University of Basel

Bio (english):

Benjamin Schwalb is currently a Ph.D candidate in sociology and assistant to Prof. Dr. Axel Paul at the University of Basel. From 2003 to 2009 he studied Sociology, Psychology, and Cognitive Science at the Universities of Freiburg (Germany), Basel (Switzerland) and Arizona (Tucson, USA). Before he joined the Institute of Sociology in February 2012 he worked as a research associate with Prof. Dr. Axel Paul at the University of Siegen (Germany). Benjamin Schwalb's fields of interest include statehood, organization, violence, and social control.

The dissertation is a comparative, qualitative study on non-state armed groups in the Democratic Republic of Congo. It investigates how the organization of armed gropus relates to the mistreatment of noncombatants in civil war. In order to understand the social mechanisms that govern situations of one-sided violence, Benjamin Schwalb draw on interviews with mainly rank-and-file ex-combatants from the Forces démocratiques pour la libération du Rwanda (FDLR), a Congolese Mayi-Mayi group and the Forces de résistance patriotique en Ituri (FRPI).

PhD-Project description (german)

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dominieren innerstaatliche Kriege in Ländern des globalen Südens das weltweite Kriegsgeschehen. Typischerweise zeichnen sich diese Kriege durch eine irreguläre, gegenüber der Zivilbevölkerung vergleichsweise enthemmte Kriegsführung aus. So lässt sich mindestens ein Drittel der zwischen 1989 und 2004 in Bürgerkriegen registrierten Todesopfer auf die gezielte Tötung von Zivilpersonen zurückführen. Vor diesem Hintergrund hat sich die sozialwissenschaftliche Bürgerkriegsforschung in den vergangenen zwei Jahrzehnten verstärkt um eine empirische wie theoretische Aufklärung von Gewalt gegen Zivilisten bemüht. Der Fokus der Analysen hat sich dabei zunehmend von der Makroebene der Konfliktursachen und -formen auf die Mesoebene verschoben - getragen von dem empirischen Befund, dass das Ausmaß der Gewalt gegen Nichtkombattanten innerhalb von Konflikten stark variiert. Zahlreiche Untersuchungen belegen etwa, dass sich Kriegsparteien in der Regel sowohl im Ausmaß als auch in der Qualität einseitiger Gewalt voneinander unterscheiden. Diese Unterschiede im Gewalthandeln der Kriegsteilnehmer bilden den Gegenstand der Untersuchung.

Das Dissertationsprojekt nimmt seinen Ausgang in einer Kritik des in der theoretisch ambitionierten Bürgerkriegsforschung dominierenden Paradigmas der rationalen Wahl und zielt auf eine empirisch begründete Theorie (grounded theory) kollektiver einseitiger Gewalt in Bürgerkriegen. Einseitige Gewalt wird dabei verstanden als die absichtliche körperliche Verletzung von Nichtkombattanten durch Mitglieder eines kriegführenden Kollektivs. In einer komparativen Fallanalyse von drei in der Demokratischen Republik Kongo aktiven nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen wird das handlungsrelevante Wissen rekonstruiert, das Kämpfer an typische wie subjektiv problematische Situationen kollektiver einseitiger Gewalt herantragen. Über das "Betriebswissen" der Handelnden soll bestimmt werden, welchen relativen Einfluss drei Mechanismen sozialer Koordination - die Organisation, die institutionelle Umwelt (insb. die Kultur des Krieges) und die Dynamik der Situation - auf einseitige Gewaltereignisse nehmen. Verglichen werden die FDLR, eine Mai-Mai-Miliz (unter dem Vorbehalt des Zugriffs, APLCS oder PARECO) und die FRPI. Diese drei Gruppen unterscheiden sich sowohl in dem Grad als auch in der Form ihrer Organisation und erlauben auf diese Weise eine annäherungsweise Isolation organisationaler Einflussfaktoren. Der Feldzugang erfolgt über Demobilisierungseinrichtungen in der Demokratischen Republik Kongo und in Ruanda, wo die Daten in teilstrukturierten (episodischen) Leitfadeninterviews erhoben werden.

 

Info

Projektleitung: Axel Paul

Soziologie: Benjamin Schwalb

Funds: Universitätsmittel

Zeitraum: 01.01.2010-31.12.2015

Website: http://soziologie.unibas.ch/forschung/projekte 

LinkDissertation project

Contact:

Institut für Soziologie
Petersgraben 27, CH-4051 Basel

benjamin.schwalb-at-unibas.ch